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über journalistische Sorgfalt …

„Der frühere französische Torjäger Franck Ribéry (Bayer Leverkusen) folgte dem Lockruf.“ – dieser Satz klingt so falsch, dass die meisten Fans der Bundesliga vermutlich bereits an dieser Stelle einen solchen Artikel nicht lesen würden.

Dieser Satz ist natürlich völliger Unsinn und wir wissen, dass Ribery nicht für Bayer Leverkusen spielt, aber eben solche absurden Fehler findet man gern in Artikeln über den US Fußball.

Als Fan einer Liga ärgert man sich besonders, wenn Redakteure vermeintliche Artikel schreiben, die von unbewiesenen Behauptungen und faktischen Fehlern nur so strotzen und eher Ähnlichkeiten mit einem Kommentar als einem Bericht haben.

Auch als Fan der Major League Soccer erlebt man solche Artikel regelmäßig und wird irgendwann alle Vorurteile, die in den meisten Artikeln über die MLS gern aufgezählt werden, auswendig kennen wird.

Die meisten Artikel klingen deshalb auch seit Jahren gleich, bieten kaum neue oder interessante Infomationen und behandeln oftmals die gleichen Themen.

Wenn aber ein Artikel von einem Sportsender offensichtlich das Ziel hat, all diese Vorurteile zu sammeln und neue in die Welt zu setzen, verdient das durchaus eine Reaktion.

Sport1 veröffentlichte eine Ansammlung der beliebtesten Vorurteile

Gemeint ist der Artikel „MLS: Scheitern von Schweinsteiger, Ibrahimovic und Rooney ein FiaskoStars scheitern: Das MLS-Fiasko“, der von Marcel Bohnensteffen geschrieben und auf Sport1 veröffentlich wurde.

Der Titel verrät bereits in welche Richtung dieser Artikel gehen würde. Er bezieht sich auf 3 Spieler einer Liga mit 23 Mannschaften.

Doch an sich ist das nicht das Problem. Der europäische Fußballfan, der sich bisher nicht mit der amerikanischen Liga beschäftigt hat, kennt diese Namen natürlich und soll damit Interesse aufbauen und auf den Artikel klicken.

Die unbelegte Behauptung von Marcel Bohnensteffen

Das Problem an dem gesamten Artikel ist jedoch, dass er eine Behauptung aufstellt, die jedoch an keiner Stelle versucht wird zu beweisen sondern als Tatsache dargestellt wird.

Bereits zu Beginn behauptet Marcel Bohnensteffen:

„Der US-Fußball setzt auf namhafte Stars, um öffentlich wahrgenommen zu werden.“ und wiederholt diese Behauptung „Das ganze Marketing-Konzept der MLS basiert darauf, Weltstars von einst eine Bühne zu bieten. Und zwar so oft und so lange es eben geht.“

Es ist das vermutlich am meisten geschriebene Vorurteil in Deutschland zum amerikanischen Fußball. Diese Liga der Altstars.

MLS – die Rentnerliga?

Nein, dieser Artikel stammt nicht aus dem Jahr 2007, kurz nach der Verpflichtung von David Beckham zu LA Galaxy, sondern wir befinden uns im Jahr 2018.

In den vergangenen 11 Jahren gab es eine Entwicklung, die anscheinend an Bohnensteffen vorbei gezogen ist. Allein die Betrachtung des Altersschnitts der unterschiedlichen Ligen macht das deutlich.

Im Vergleich zu europäischen Ligen befindet sich die MLS im Mittelfeld.

So alt ist man im Durchschnitt in der MLS tatsächlich gar nicht. Aber natürlich gibt es auch in der MLS die Pizarros, Naldos oder Ribérys der Liga.

Die beiden ältesten Spieler der MLS sind Tim Howard (40) und Nick Rimando (39) und stehen für ihre Teams zwischen den Pfosten.

Sicherlich lässt sich nicht abstreiten, dass vereinzelte Spieler ü30 in den letzten 3 Jahren ihren Weg in die Liga gefunden hatten, jedoch wurde selbst bei diesen deutlich, dass die Leitung zählt und nicht der Name. Andrea Pirlo ist dafür ein gutes Beispiel, bei dem Mehrfach in der Saison 2016 deutlich wurde, dass er nicht mehr die nötigen Leistungen bringen konnte und deshalb besonders im letzten Drittel der Saison meistens ohne Einsatz auf der Bank saß.

Dazu kommen Spieler, die aus eigenen und ganz persönlichen Gründen in die USA kommen. Ein sehr schönes Beispiel war dazu die Geschichte um den Belgier Lauren Ciman.

Noch offensichtlicher als eine Handvoll Spielern, die mit über 30 in die Liga gekommen sind, ist die Entwicklung der vielen Teams, deren Schwerpunkt bei einem anderen Spielerpool liegt: Den jungen, unbekannten Spielern.

Atlanta United, New York Red Bulls, FC Dallas, Philadelphia Uniion, Los Angeles FC oder auch Real Salt Lake seien dabei Beispielhaft genannt.

Anhand der Beispiele der New York Red Bulls, dem FC Dallas, Real Salt Lake und Philadelphia Union lässt sich mittlerweile die Wichtigkeit der Akademien beobachten. In diesen und auch weiteren MLS Teams erhalten die jungen Spieler aus den Akademien die Möglichkeit in den USL Teams zu spielen und idealerweise später in das MLS- Team übernommen zu werden. Tyler Adams, Alphonso Davies, Justen Glad, Danilo Acosta, Matthew Real, Auston Trusty, Derrick Etienne oder auch Jesse González sind nur ein paar Beispiele von jungen Spielern, die genau diesen Weg durchliefen.

Schweinsteiger trifft auf Tyler Adams

Atlanta United ist ebenfalls für sein junges Team bekannt. Mit George Bello haben

der 16jährige George Bello - Photo: Atlanta United

sie bereits einen ersten vielversprechenden jungen Spieler aus ihrer Akademie in der USL und MLS.

Dazu kommen die Stars des Teams, die allesamt junge Spieler mit gut ausgestatteten DP-Verträgen sind: Miguel Almirón (24), Torschützenkönig Josef Martínez (25) und Young-DP Ezequiel Barco.

Auch der LAFC verzichtete bei seinem Start in die Liga auf einen europäischen Altstar und setzte dafür auf Carlos Vela (29), der mit seiner Erfahrung das Team lenkt, André Horta (21) und Diego Rossi (19), die alle drei mit DP- Verträgen ausgestattet sind.

Auch die Behauptung, dass „ganze Marketing-Konzept der MLS“ auf Altstars basieren würde lässt sich leicht widerlegen.

Die Pressebroschüre für die Saison 2018 stellte vorrangig junge Spieler vor und auch die Highlights auf der Seite wurden die ganze Saison über, wie auch in den letzten Jahren, bunt durchmischt.

Das 22 under 22 Ranking gehört seit Jahren ganz selbstverständlich in die Liga und macht deutlich, dass eben auch auf dieses Thema längst ein Fokus gesetzt wurde.

Das Spiel mit unbenannten Zitaten

Um einen Artikel besonders seriös erscheinen zu lassen, ist ein beliebtes Mittel zu Zitaten zu greifen.

Auch Marcel Bohnensteffen nutze diese Variante für seinen Artikel und schrieb: „Ein Beobachter der Szene schrieb dieser Tage:

„Die amerikanische Profiliga ist auf Spektakel ausgerichtet, es geht mindestens so sehr um Starkult wie um die Suche nach dem besten Verein der Saison.“ “

Doch wer ist dieser benannte Beobachter der Szene?

Wer bei dieser Frage davon ausgegangen ist, dass das Zitat von einem Experten aus der MLS oder ihrem Umfeld stammen würde, irrt sich, denn das Zitat wurde kurzerhand einem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung entnommen, der am 01.11.2018 erschienen war, also nur wenige Tage vor dem von Bohnensteffen.

Sieht man sich den Artikel der Süddeutschen Zeitung genauer an, wird auch deutlich woher Bohnsteffen die Inspiration für seinen Artikel hatte, denn das Thema ist in beiden Artikeln ähnlich.

Fehlende Sorgfalt

Der Artikel der Süddeutschen Zeitung ist, im Gegensatz zu dem von Sport1 immerhin noch etwas differenzierter und deutlich weniger Fehlerbelastet.

So lässt sich kaum über peinliche Fehler hinweg sehen, die es zahlreich in diesem Artikel zu finden gibt.

Beispiel 1:

„Das hat ihn nacheinander die EM 2016 und WM 2018 gekostet.“

Ein Blick auf das Teilnehmerfeld der Weltmeisterschaft 2018 bestätigt, dass Sebastian Giovinco nicht bei dieser dabei war. So wie auch die komplette italienische Nationalmannschaft.

Beispiel 2:

„Der frühere spanische Torjäger David Villa (Red Bull New York) folgte dem Lockruf.“

Dieses Zitat nutzen wir zu Beginn des Kommentars in leicht veränderter Form, die deutlich macht, wie wenig der nötigen Sorgfalt in den Artikel von Marcel Bohnensteffen gesteckt wurde.

David Villa spielte nie für die New York Red Bulls, sondern gehört zum Lokalrivalen New York City FC. Dagegen ist im Artikel der SZ das richtige Team zu finden.

Fußball – nur eine Randsportart?

Eine ebenfalls gern verwendete Behauptung ist die der Randsportart. Fußball würde in den USA quasi niemanden Interessieren.

Dass diese Behauptung ebenfalls Unsinn ist, zeigt sich eindrucksvoll an den verkauften Eintrittskarten zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Nach Gastgeber Russland wurden nämlich die zweitmeisten Eintrittkarten an Fans in den USA verkauft, nämlich 88.825 Karten, wie es Sport1 damals schrieb.

Eine von Gullup veröffentlichte Statistik machte bereits im letzten Jahr deutlich, dass sich in den letzten Jahren sehr viel in der Beliebtheit der Sportarten in den USA geändert hat.

graph: gallup.com

Deutlich wird daran auch, dass das Interesse an Baseball in den letzten Jahren kontinuierlich gefallen ist, während die Beliebtheit von Fußball anstieg und mittlerweile in der Altersgruppe 35 bis 54 Jahre Baseball überstiegen hat.

Ausführlicher findet sich die Analyse natürlich unter gallup.com. Selbst bei der USA Today ging man bereits vorsichtig in diese Richtung.

Kaum mehr als ein Halbprofi?

Um zur Diskussion anzuregen, kann eine strittig formulierte Aussage natürlich helfen. Steht diese Aussage jedoch in einem dazwischen geklemmten Satz und wird weder näher erklärt, noch mit irgendwelchen Fakten gestärkt, ist der mehrwert einer solchen Aussage eher gering.

Eine solche daher gesagte Aussage findet sich auch in Bohnensteffens Artikel wieder:

Die landesweit höchste Liga hatte bis dato kaum anderes zu bieten als einheimische Spieler, die nach europäischen Maßstäben nicht über den Status eines Halbprofis hinauskämen.

Wäre es bei einer solch sehr scharf formulierten Aussage nicht angebracht, wenigstens auch einige Beispiele zu nennen?

Dass es Spieler aus den USA gibt, die auch im europäischen Ausland deutlich über dem Status eines Halbprofis spielten, sollte jedem Fußballfan bekannt sein.

Der im Artikel erwähnte Tim Howard stand immerhin für 413 Spiele für den FC Everton zwischen den Pfosten, verbrachte weitere 77 Spiele bei Manchester United und spielt aktuell erneut in der MLS bei den Colodaro Rapids. Seine Karriere startete er jedoch in der Akademie der MetroStars/New York Red Bulls, für die er bis zu seinem Wechsel in die Premier League auch spielte.

Ebenfalls von den New York Red Bulls wechselte Tim Ream nach Europa und spielt aktuell für den FC Fulham in der Premier League.

Aus der Akademie von Seattle Sopunders kommend, für die er anschließend auch unter Vertrag stand und spielte, wechselte DeAndre Yedlin 2014 zur Tottenham Hotspur und spielt aktuell bei Newcastle United. Geoff Cameron spielte, wie es in den USA auch üblich ist, zuerst am College, wurde anschließend Houston Dynamo gedraftet und spielt heute für QPR.

US Nationalspier Matt Miazga war ebenfalls ein Spieler aus der Akademie der New York Red Bulls, spielte 3 Jahre für das Team und wechselte anschließend nach Europa. Derzeit spielt er beim FC Nantes in der französischen Ligue 1.

Erik Palmer-Brown durchlief ebenfalls in den USA eine Akademie, spielte für Sporting Kansas City und ist derzeit in der Eredivise aktiv.

Ein Wechsel machte aber zu Beginn des Jahres besondere Schlagzeilen: Der Wechsel von Cyle Larin (23) in die Süper Lig zu Besiktas Istanbul. 2015 war er als erster Kanadier im Draft ausgewählt worden und kam zu Orlando City, mit denen er zwar den Sprung in die Playoffs nicht schaffte, aber zum Rookie des Jahres gewählt wurde.

Diese Spieler sind nur Beispielhaft für US-Spieler, die in Europa gespielt haben oder aktuell in Europa spielen und dort weit über dem Status des Halbprofis hinaus gekommen sind.

Zlatan brachte LA Galaxy den Glamour

Fast schon amüsant ist dagegen diese Behauptung:

„Dem Verein mag der Glamour, den der Name Ibrahimovic eben mitbringt, einen gewissen Kult verschafft haben.“

Spätestens dieser Satz macht jedem MLS Fan deutlich, dass der Autor vor dem Wechsel von Zlatan Ibrahimovic anscheinend noch keine andere Berührungen mit der Liga hatte. Ausgerechnet LA Galaxy brauchte erst Zlatan Ibrahimovic für den Glamour oder Kultfaktor?

Wäre dieser Artikel aus dem Jahr 2007 und der Name nicht Zlatan Ibrahimovic, sondern David Beckham, möge darin eine gewisse Wahrheit liegen.

Spätestens seit der Verpflichtung von David Beckham hatte LA Galaxy immer große Namen im Kader, seien es die Dos Santos Brüder, US- Legende Landon Donovan, Jelle Van Damme oder Robbie Keane. Auch Namen, wie Ashley Cole und Steven Gerrard waren bereits Teil des Kaders von LA Galaxy. Wenn es in der letzten Dekade einen Club gab, der komtinuierlich auf bekannte Namen setzte, dann war es LA Galaxy.

Scheitern der Stars ein Fiasko?

Ist das Scheitern der Stars nun ein Fiasko für die Liga? Nein, denn in den Playoffs sind noch jede Menge anderer Stars, die auch in den Trikotverkäufen weit oben sind: Josef Martinez, Miguel Almiron, David Villa, Clint Dempsey, Ezequiel Barco, Bradley Wright-Phillips, Darlington Nagbe, Hector Villalba, Graham Zusi, Cristian Roldan und Diego Chara.

Dazu kommen noch weitere beliebte Spieler, wie zum Beispiel der 19jährige US Nationalspieler Tyler Adams oder Brooks Lennon und interessante Spiele mit Zuckertoren, wie Damir Kreilach es bereits bewies:

Eurozentrismus im Fußball

In der Wissenschaft gibt es den Begriff des Eurozentrismus, der sich, folgt man deutschen Artikeln zum US-Soccer, auch wunderbar auf das Thema Fußball ableiten lässt.

Definition vom Institut für Interkulturelle Kompetenz & Didaktik:

„Der Begriff Eurozentrismus beschreibt die Beurteilung nicht-europäischer Kulturen aus der Perspektive europäischer Werte und Normen. Europa bildet hier das unreflektierte Zentrum des Denkens und Handelns; Europas Entwicklungsgeschichte wird als Maßstab für jegliche Vergleiche mit anderen Ländern und Kulturen gesehen.“

Wir alle kennen diese etlichen Artikel, in denen die MLS mit irgendeiner deutschen Liga im Vergleich genannt wird oder völlig unüberprüft die Behauptung aufgestellt wird, dass US Spieler in Europa nicht über den Status des Halbprofis hinaus kommen würden.

Dass Vergleiche zwischen der MLS und europäischen Ligen nach aktuellem Stand sinnlos sind, sollte so langsam deutlich geworden sein. Soccer bzw. Sport im Allgemeinen ist in den USA bereits in den unteren Ligen und im Kindesalter oftmals anders aufgebaut. Das Draft-System, der Salary Cap und Franchises machen das Spiel nicht schlechter, bieten aber dadurch selten Vergleiche zu anders struktuierten deutschen Ligen an.

Beispielsweise wird besonders gern genannt, dass die MLS in Deutschland maximal Regionalliganiveau hätte. Woher diese Behauptung stammt und welche Fakten diese ausmachen sollen, wird nicht genannt.

Im Umkehrschluss muss man sich dann aber fragen, warum kommen dann nicht etliche Regionalligaspieler aus Deutschland in die USA, wenn sie doch hier anscheinend so leicht MLS- Profis werden könnten?

Neuer Versuch, bitte

Eigentlich möchten wir Marcel Bohnensteffen und vielen anderen Redakteuren vor allem eines Empfehlen: Seht euch gern Fußballspiele anderer Ligen außerhalb Europas an und geht mit einer neutralen Einstellung an die Spiele (es lohnt sich natürlich immer mehr als nur ein Spiel zu sehen, denn in jeder Liga wird man auch mal völlige Rumpelspiele erleben, wie man sie auch aus der Bundesliga kennt). Man muss nicht immer alles miteinander vergleichen und wenn doch, sollten diese mit richtigen Fakten unternommen werden. Aber gerade dann, wenn das Ligasystem anders aufgebaut ist, wird ein solcher Vergleich schwer und unnötig.

Genießt den Fußball wie er ist, schreibt was ihr sehen könnt, aber denkt euch nicht irgendwelche Behauptungen aus, die man mit kurzer Recherche widerlegen kann.

Edit 06.11.2018: Wir wollen positiv anerkennen, dass Marcel Bohnensteffen sich bei uns gemeldet hat und ein

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