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Der Kampf der US- Frauen

Für die einen war die Weltmeisterschaft nur ein Event im TV, für die anderen ist die Weltmeisterschaft ein Turnier, in das sie als Favoriten starten.

Es geht natürlich um das US Nationalteam der Frauen (USWNT), das am Dienstag in ihrer Gruppe F gegen Thailand startete.

Die Favoritinnen

Nachdem die US- Männer (USMNT) sich, wenn auch überraschend, nicht für die WM 2018 qualifizieren konnten, sind die US- Frauen das Gegenteil dieser Misere. Sie starten nicht nur als Titelverteidigerinnen in das Turnier, sondern hatten auch eine nahezu perfekte Qualifikation gespielt.

5 Spiele, 5 Siege, 26 Tore, 0 Gegentore

Mit dieser Qualifikation, in der man durchschnittlich 5,2 Tore pro Spiel erzielen konnte, zeigte das USWNT im Oktober 2018, warum sie seit Jahren immer wieder die Weltrangliste anführen.

Tobin Heath, Alex Morgan & Rose Lavelle 

Photo by Jamie Smed
Photo by Jamie Smed

Von Sommer 2017 bis zum Anfang 2019 blieb das USWNT in 28 Spielen unbesiegt. Einzig die Französinnen schafften diese Serie mit ihrem 3-1 Sieg in Januar 2019 zu beenden. Aber auch danach spielten die US Frauen solide weiter und verloren in ihrer Vorbereitung kein weiteres Spiel mehr. Zwar konnte man den SheBelieves Cup 2019 nicht gewinnen, jedoch lässt sich das mit den vielen Experimenten im Spielsystem und dem Kader erklären. Man wollte verschiedenes ausprobieren, um das richtige System und natürlich auch den richtigen Kader zu finden.

Das Spiel gegen Thailand

Natürlich waren die Thailänderinnen die klaren Außenseiterinnen in dieser Partie und das sollte sich auch deutlich bestätigen.

Bereits nach 6 Minuten klingelte es das erste Mal im Tor der Thailänderinnen, die bis dahin und auch danach noch mit Pressing versuchten das Spiel der Amerikanerinnen wenigstens zu stören und sie gar nicht erst zum Spielaufbau kommen zu lassen. Der Treffer von Alex Morgan wurde jedoch berechtigt mit Abseits abgepfiffen und so dauerte es weitere 6 Minuten, bis schließlich das erste reguläre Tor, wieder durch Alex Morgan, fiel. Zumindest bis zum 2:0 kann man den Thailänderinnen auch nur wenig vorwerfen, denn sie versuchten sich weiterhin an ihrer durchaus sinnvollen Taktik und störten immer wieder.

Kritisch betrachten muss man aus der ersten Halbzeit jedoch den Videoschiri, der zwei deutlich erkennbare Fouls im Strafraum nicht für wichtig genug erachtete, um einzugreifen. Auch wenn es zur Halbzeit 3:0 stand, müssen solche wichtigen und in anderen Spielen wirklich entscheidenden Szenen in einem solchen Turnier zwingend genauer betrachtet und eingegriffen werden. Zwei berechtigte Elfmeter wurden den US- Frauen also nicht gegeben, wofür sie sich in der 2. Halbzeit auf ihre Art bedankten, denn dort begannen sie erst recht ihren Fußball zu spielen. Die Thailänderinnen hatten ihren Spielfaden längst verloren, ließen dem USWNT Platz und von da an passierte das, was dann immer passierte. Die US- Frauen schossen, kombinierten und trafen und das gleich in 10facher Ausführung. Damit wurde der bisherige Torrekord bei einer WM, der 2015 von den deutschen Frauen im Vorrundenspiel gegen die Côte d’Ivoire mit 11-0 aufgestellt wurde, um 2 Tore übertroffen.

Auch wenig überraschend waren vor allem zwei Spielerinnen besonders auffällig. Megan Rapinoe bereitete nicht nur zwei Tore vor und schoss selbst eines, sondern war in diesem Spiel vor allem die Spielerin, die mit ihrer Erfahrung aus über 150 Länderspielen die Bälle verteilte und zeitgleich ein Ruhe- und Energiepol war. Die andere Spielerin war wenig überraschend Alex Morgan, die Technikerin mit ebenfalls weit über 150 Länderspielen, die sich in diesem Spiel mit 5 Toren und 3 Vorlagen an die Spitze der Torschützinnenliste platzierte. Der Name Alex Morgan steht bereits seit mehreren Jahren für Tore. 2018 schoss sie 18 Tore und traf damit durchschnittlich in jedem Spiel mindestens einmal und verzeichnete im April 2019 ihr 100. Länderspieltor. Seit sie Anfang 20 ist, ist sie ein Medienstar in den USA und damit auch ein Vorbild für viele Mädchen. Wie auch Megan Rapinoe ist sie Teil der Initiative Common Goal und spendet 1% ihrer Einnahmen.

Am Sonntag werden die US- Frauen dann auf das Team aus Chile treffen, die ihr erstes Spiel mit 0-2 gegen Schweden verloren hatten.

Der Kampf neben dem Platz

In der medialen Berichterstattung klang das Thema in den Tagen vor der WM bereits mehrfach an, denn für viele Teams ist diese Weltmeisterschaft nicht nur ein Kampf um den Ball auf dem Platz, sondern auch ein Kampf zum Thema Gleichberechtigung.

Bei manchen rollen sich bei diesem Wort bereits reflexartig die Augen und die üblichen Plattitüden werden genannt. Der Frauenfußball sei doch nur Kreisliganiveau und wer gleich bezahlt werden will, muss auch eine entsprechende Nachfrage haben und so weiter.

Genau an dieser Stelle setzt das US- Team wie kein anderes an und ist bereits seit Jahren ein Vorbild auch für andere Frauen- Nationalmannschaften.

Die Vorbilder

Denn das USWNT hat etwas, was andere Teams für ihre Argumentation nicht so eindrucksvoll nutzen können: Sie haben Erfolg und Aufmerksamkeit. Erfolg, den das USMNT nicht hat, dessen höchste Erfolge maximal Platz 3 bei der Weltmeisterschaft 1930, das Viertelfinale 2002 oder die 6 Turniersiege im CONCACAF Gold Cup waren.

Die US- Damen können im Vergleich dazu drei WM-Titel, vier Mal olympisches Gold, 1 Mal olympisches Silber und 8 Turniersiege im CONCACAF Women’s Gold Cup aufweisen.

Bis zum Jahr 2017, also auch während der Vorbereitung zur Weltmeisterschaft 2015, erhielten die Spielerinnen des USWNT lediglich 1,350$ für einen Sieg in einem Freundschaftsspiel. Das USMNT bekam dagegen schon 5000$ für eine Niederlage. Für Unentschieden oder Siege gab es natürlich mehr, während es für die Frauen bei einer Niederlage kein Geld gab.

2017 konnte ein erster kleiner Erfolg von den Spielerinnen des USWNT erlangt werden. Zwar war die USSF (United States Soccer Federation) nicht bereit die garantierten Zahlungen (gewissermaßen das Grundgehalt) für das USWNT zu erhöhen, jedoch einigte man sich auf erhöhte Bonuszahlungen. Dieser wird an der Qualität des Gegners bemessen. So bekommt das USWNT bis zu 8500$ für einen Sieg gegen ein Top 4 Team der Weltrangliste und Kanada. Bei einem Unentschieden bekommen sie bis zu 1750$. Bei einem Sieg gegen ein Team der Top 5-8 Teams gibt es bis zu 6500$ und bei einem Unentschieden bis zu 1250$. Für eine Niederlage gibt es, anders als für das USMNT, dagegen gar kein Geld. Bei einem Turniersieg des SheBelieves Cups stehen jeder Spielerin zudem noch einmal 5000$ als Belohnung zu.

Im Gegensatz zu den Männern haben die Frauen keine hohen Vereinsgehälter, weshalb sie von diesen Bonuszahlungen abhänig sind und eine Niederlage nun deutlich Schmerzhafter ist.

Und doch änderten sich seit 2017 die Bedingungen nicht mehr. Abgesehen von den möglichen Bonuszahlungen blieb der Rest wie zuvor. Weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter standen dem USWNT als dem USMNT zur Verfügung, die Trainingsbedingungen waren schlechter, ebenso wie die Spielbedingungen und Reisebedingungen.

Die Unterschiede zwischen dem USWNT und dem USMNT

Ein Beispiel für unterschiedliche Spielbedingungen ist zum Beispiel das bei Profispielern unbeliebte Spielen auf Kunstrasen, der nicht nur sehr heiß wird und auch die Umgebung erhitzt, sondern auch schmerzhafte Brandwunden hinterlässt. Spieler, wie Zlatan Ibrahimovic und Thierry Henry, verabscheuen diesen Bodenbelag so sehr, dass sie Spiele auf diesen Plätzen verweigerten.

Im Jahr 2015 experimentierte die FIFA jedoch bei einer WM und testete, ob diese auch auf jenem Kunstrasen ausgetragen werden könne. Natürlich hatte man das nicht bei der Weltmeisterschaft der Männer gemacht, sondern bei der WM der Frauen in Kanada. Trotz massiver Kritik von den betroffenen Spielerinnen wurden die Spiele auf dem Bodenbelag ausgetragen.

Warum Spiele auf Kunstrasen so unbeliebt sind zeigte die US Nationalspielerin Sydney Leroux mit einem Tweet.

Bei einem solchen Bild dürfte die Frage, ob die Weltmeisterschaft der Männer 2026 in Kanada, den USA und Mexiko auf Kunstrasen gespielt wird, schnell geklärt sein.

Kunstrasenplätze kennt das Team der US- Frauen ziemlich gut, denn zwischen dem 1. Januar 2014 und dem 31. Dezember 2017 musste das USWNT von ihren 62 Heimspielen 13 , also 21 %, auf Kunstrasen spielen. Das USMNT dagegen musste im gleichen Zeitraum von seinen 49 Heimspielen lediglich 1, also 2%, auf Kunstrasen betreiten.

Besonders interessant daran ist jedoch die genauere Betrachtung der Thematik, denn in diesem Zeitraum verlegte die USSF bei 8 Heimspielen des USMNT für die Spiele vorrübergehend Naturrasen auf den dortigen Kunstrasen. Das USWNT spielte in diesem Zeitraum in drei Stadien, in denen aus das USMNT gespielt hatte, jedoch wurde dort kein vorläufiger Naturrasen verlegt. Während der gesamten Zeit wurde für das USWNT lediglich in einem Spiel Naturrasen verlegt. Wichtig zu wissen ist, dass die USSF bei allen Spielen des USWNT und USMNT die Kontrolle über die Orte und auch den jeweiligen Bodenbelag hat und eben auch jederzeit entscheiden kann, ob ein anderer Rasen verlegt wird.

Auch die Reisebeginungen werden von den Spielerinnen des USWNT kritisiert, denn Beispielsweise im Jahr 2017 charterte die USSF mindestens 17 Mal für das USMNT Flüge, für das USWNT dagegen jedoch nie. Die Spielerinnen flogen mit normalen Linienflügen.

Die Vorteile von Charter Flügen können jedoch deutliche Vorteile bringen, denn Charterflüge sorgen unter anderem für mehr Komfort, weniger Risiko von Gepäckverlust oder verpassten Verbindungen und bessere Möglichkeiten zur Erholung vor und nach den Spielen.

Die Klage

Diese genannten Beispiele sind aus der Klageschrift entnommen, die von den 28 (eigentlich 33) Spielerinnen des USWNT am 08. März, dem internationalen Frauentag, als Sammelklage eingereicht wurden. Diese 33 Spielerinnen vertreten rückwirkend alle Spielerinnen, die seit dem 04.02.2015 bei der USSF für das USWNT unter Vertrag standen, in der Klage gegen den US- Verband.

Die gesamte Klageschrift findet sich hier und lohnt sich wirklich zu lesen, denn dort werden die verschiedenen Kritikpunkte ausführlich beschrieben, mit Beispielen unterlegt und helfen diese teilweise doch emotional geführt Debatte an konkreten Punkten entlang zu führen.

Der US- Verband war wenig überrascht über die Klage und befindet sich seit dem mit ihnen in Verhandlungen und auch die US- Damen versuchen zwar im Thema Gleichberechtigung deutliche Schritte nach vorn zu machen, lehnten aber bereits im März einen Boykott der WM ab. Sie wollen Spielen und ihr Land würdig vertreten, aber sie wollen auch bessere Bedingungen für sich und nebenwirkend auch für die anderen Frauennationalmannschaften erreichen. In der ganzen Kritik und das soll noch einmal deutlich gemacht werden, geht es eben nicht nur um eine bessere Bezahlung, sondern auch um gleiche Trainings- und Spielbedingungen, ein gleichwürdiges Marketing, die Personalausstattung, Investitionen in das Team und ganz generell um eine bessere Unterstützung.

Dazu haben die US- Frauen auch starke Argumente, denn sie sind nicht nur erfolgreicher als die Männer, sondern haben auch eine bessere Medienpräsenz, locken gleich viele Zuschauer in die Stadien (beide Teams spielen in gleich großen Stadien) und auch in der Frage um TV- Einschaltquoten haben sie beeindruckende Zahlen vorzuweisen. Das WM- Finalspiel 2015 gegen Japan hält mit 25 Mio. Zuschauern in den USA den Rekord für das am meisten gesehene Spiel eines US Soccer Teams. Das Argument von Angebot und Nachfrage ist am Beispiel der US Teams sehr schwach.

Immer diese Kreisliga

Ganz nebenbei sei übrigens kurz auf das Schlagargument Kreisliga eingegangen.

So findet sich in Kommentaren immer wieder das Argument, dass der Frauenfußball maximal Kreisliganiveau hätte und deshalb auch keine ebenwürdige Bezahlung verdienen würde. Als Beispiel wird dabei ein Spiel aus dem April 2017 des USWNT gewommen, die gegen die U15 des FC Dallas mit 5:2 verloren.

Genau dieses Beispiel zeigt sehr eindrucksvoll welches (internationales) Engagement in der Ablehnung von Frauenfußball herrscht, denn bei diesem Spiel handelte es sich um einen lockeren Kick nach dem Training, bei dem es um nichts ging, so kurz vor einem Spiel auch niemand ein Risiko eingeht sich zu verletzen und man vor allem den Jungs vom FC Dallas ein besonderes Erlebnis bringen wollte, auf deren Trainingsplatz das Team in der Vorbereitung auf ihr anstehendes Spiel gegen Russland steckte. Der FC Dallas berichtete in einer kurzen Meldung über das Spiel auf seiner Seite. Eine kurze Meldung wie so viele. Doch daraufhin entwickelte sich eine Dynamik, mit der auch der FC Dallas nicht rechnete und die Meldung schließlich wieder von der Seite nahm. Plötzlich wurde nämlich in internationalen Medien über das Spiel berichtet und zwei Jahre später findet der lockere Kick noch immer reichlich Platz in der Argumentation, gern auch mit falschen Ergebnissen oder Jahren, die deutlich machen, dass sich mit dem Spiel nie beschäftigt wurde. Dass die US Damen bereits ein Jahr zuvor in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele dort trainiereten und es ebenfalls einen solchen Kick gab, dessen Ergebnis dagegen nicht durch alle internationalen Sportmedien gereicht wurde, sollte diese Art der halbinformativen Argumentation kritisch erscheinen lassen. Damals gewannen die U15 Spieler übrigens nicht.

Sicherlich mag die Qualität im Frauenfußball noch deutlich ausbaufähig sein, doch muss dann auch kritisch hinterfragt werden, warum gerade in Fragen der Förderung und Trainings- und Spielbedingungen so wenig getan wird, man aber zeitgleich automatisch gleiche Qualitäten wie im Männerfußball erwartet. Dass der Frauenfußball in der Breite vielleicht 30 Jahre alt ist und es noch immer nicht in jedem Land Profiligen für Frauenteams gibt, macht die Lage deutlich. Wie soll bei diesem Unterbau die geforderte Qualität der Männer herrschen? Das kann nur durch Förderung und Entwicklung passieren. Zumal auch der Männerfußball sich erst mit der Zeit entwickelte bzw. veränderte und ja, auch dort war das Spiel mal langsamer.

Bis es neue Meldungen zu der Klage der US- Frauen gibt werden noch Monate, vielleicht sogar Jahre vergehen. Jedoch ist spätestens in den letzten Monaten deutlich geworden, dass der Frauenfußball sich entwickeln will und dabei auch Themen ansprechen muss, die bei einigen reflexartige Ablehnungen verursachen. Und gerade zu einer Weltmeisterschaft ist das ein prominenter Zeitpunkt.

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